Zuversicht statt Optimismus – oder warum ich lieber Wege suche, als auf das Gute zu hoffen
- Michaela Diesch

- vor 7 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Vor ein paar Nächten bin ich aus einem Albtraum aufgewacht. Kennst du dieses Gefühl? Die Erleichterung, wenn man realisiert, dass man nur geträumt hat. Aber auch dieser Nachhall, der einen manchmal noch über Stunden begleitet, wie ein Geschmack, den man nicht mehr loswird.
Ich bin an diesem Tag aufgestanden und habe mir erlaubt, diese widerstreitenden Gefühle wahrzunehmen und nicht einfach in den Funktionsmodus zu schalten. (Wichtig: Es war ein Samstag, da hatte ich Zeit und damit Raum.) Dann habe ich mir überlegt: Was würde mir jetzt guttun? Etwas in mir rief sehr laut nach KUCHEN. Also habe ich Schüsseln, Mehl und alle weiteren Zutaten zusammengesucht und angefangen, einen Kuchen zu backen. (Wie schon geschrieben, es war ein Samstag. An einem Dienstag hätte vielleicht eine Tasse Tee reichen müssen. Das betone ich hier, weil „Selfcare“ nicht in einen Zwang kippen sollte. Und auch gekaufter Kuchen tut gut.) Irgendwann roch die ganze Wohnung nach Kuchen und ein wenig Kindheit, und mit dem Duft kam auch mein Kopf langsam wieder zur Ruhe.

Wenn ich mir die Nachrichtenlage ansehe – die politische Lage in Deutschland, die Umfragewerte für die AfD, dazu Hitzewellen und Waldbrände, die längst keine Ausnahme mehr sind – dann fühlt sich das leider auch oft wie ein Albtraum an. Blöderweise wird es hier mit dem Aufwachen schwierig und Kuchen ist wahrscheinlich auch nicht die erlösende Antwort darauf.
Optimismus vs. Zuversicht
Was kann also helfen, wenn Albtraumgefühle das Tageslicht für sich entdecken? Meine erste, spontane Antwort wäre: Optimismus. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir: Es ist gar nicht Optimismus, der mir in solchen Momenten hilft. Es ist Zuversicht.
Aber ist das nicht dasselbe?
Als ich mich ein wenig damit beschäftigt habe, durfte ich lernen: Nein, es ist nicht dasselbe.
Optimismus ist die Erwartung: Es wird schon gut werden.
Zuversicht ist dagegen ein anderer Gedankengang.
Es ist die Überzeugung: Auch, wenn es nicht gut wird, finde ich Wege und Lösungen.
Ich erwische mich selbst oft dabei, wie ich in Richtung Optimismus abdrifte und „wird schon irgendwie“ denke. Meist merke ich dann, wie hohl sich das anfühlt, sobald die nächste schlechte Nachricht kommt. Zuversicht hält dagegen auch, wenn die Nachrichtenlage erst einmal nicht besser wird.
Der Unterschied ist übrigens kein Wortspiel von mir. Der US-Psychologe C. R. Snyder hat genau diese Unterscheidung schon 1991 wissenschaftlich untersucht, in seiner sogenannten „Hope Theory“. Optimismus, so Snyder, ist eine allgemeine Erwartung – man hofft, dass es gut wird, ohne unbedingt zu wissen, wie es gut werden soll. Zuversicht dagegen besteht aus zwei ganz konkreten Denkprozessen: „Pathways Thinking“, der Fähigkeit, sich mehrere mögliche Wege zu einem Ziel vorzustellen und bei einer Sackgasse einen neuen zu finden – und „Agency Thinking“, dem Gefühl, selbst wirksam handeln zu können. Menschen mit hoher Zuversicht warten nicht darauf, dass es gut wird. Sie suchen aktiv nach Handlungsoptionen, gerade wenn der erste Weg versperrt ist.
Quelle: Snyder, C. R., Harris, C., Anderson, J. R. et al. (1991). The Will and the Ways: Development and Validation of an Individual-Differences Measure of Hope. Journal of Personality and Social Psychology, 60(4), 570–585.

Im Nachhinein war mein samstägliches Kuchenbacken genau das: kein Optimismus (ich habe mir ja nicht eingeredet, dass alles gut wird), sondern ein winziger, handfester Weg – Pathways Thinking im Schlafanzug, sozusagen. Ich konnte an dem großen, diffusen Unwohlgefühl nichts ändern. Aber ich konnte Mehl abwiegen, Teig rühren, den Ofen anstellen. Das waren kleine, konkrete erste Schritte.
Das beruhigt mich ehrlich gesagt mehr als jede gute Nachricht. Denn es bedeutet: Zuversicht ist kein Gefühl, das man einfach hat oder nicht hat. Man kann sie trainieren – ganz konkret.
Eine kleine Übung: drei mögliche nächste Schritte
Was mir dabei auch zuverlässig hilft, wenn mich ein Thema ohnmächtig macht (und ja, das kann auch so etwas Alltägliches wie der nächste Wohnungsputz sein):
Ich schreibe drei mögliche nächste Schritte auf. Nicht die Lösung des großen Problems – nur drei kleine, machbare Schritte.
Unabhängig davon, ob sie das Ganze retten.
Das darf ruhig banal sein.
Zum Beispiel: Beim nächsten Spaziergang eine Tüte mitnehmen und den Müll aufsammeln, der mir auffällt. Das rettet nicht das Klima. Aber es verschiebt etwas in mir – vom Zuschauen zum Handeln. Und genau das ist Zuversicht in Aktion, nicht Optimismus.
Ein paar solcher kleinen Übungen findest du übrigens auch gesammelt in meinem Mentalen 1. Hilfe-Koffer – den bekommst du geschenkt, wenn du dich für meinen Newsletter anmeldest, oder du kannst ihn dir auch einzeln holen.
Wie ist es bei dir? Was ist dein „Kuchen“? Welche kleinen Schritte helfen dir, wieder Boden unter die Füße zu bekommen?
Falls du das mit mir teilen magst, würde ich mich riesig freuen.
Für mich geht es jetzt zwei Wochen in den Urlaub. Auch das ist hilfreich, denn Abstand kann helfen, die Sicht auf viele Dinge zu klären.
Und weil es (mal wieder) an die Nordsee geht, fallen mir da noch Begriffe wie Dankbarkeit und Ehrfurcht ein. Aber das sind dann Themen, die eine eigene Betrachtung verdienen.
Vielleicht lesen wir uns ja dabei wieder.
Danke, dass du dir die Zeit für meine Gedanken genommen hast. Jetzt wünsche ich uns allen erst einmal ein paar positive Nachrichten für die nächste Zeit. Und sollte das zu optimistisch sein: Auf Borkum gibt es hervorragenden Kuchen.
Sonnige Grüße
Michaela




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