Und statt aber – oder warum zwei Dinge gleichzeitig stimmen dürfen
Am Wochenende bin ich durch unsere Pferdeherde gelaufen. Wer schon mal mit Pferden zu tun hatte, weiß, was um diese Jahreszeit passiert: Sie werden plüschig.
Fast unbemerkt wächst ihnen das Winterfell.
Inzwischen kann ich schon richtig die Finger in das Fell sinken lassen. Bald ist, vor allem bei den Isländern, wieder der Yeti-Modus angesagt.
Dieses Fell ist wunderbar anzufassen. Und gleichzeitig ist es ein zuverlässiges Zeichen für das Ende des Sommers. Die Pferde wissen das auch ohne Kalender.
Im Stall ist es stiller geworden. Die Schwalben sind weitergezogen, frecherweise ohne sich zu verabschieden. Und ihre Nester sehen aus wie Ferienwohnungen nach Saisonende.
Tja, und wenn ich morgens aus dem Küchenfenster schaue, ist das Licht anders. Tiefer, weicher. Auch die Luft riecht anders, wenn ich die Tür öffne. Nach feuchter Erde, den ersten angefeuerten Öfen und Laub. (Herbst eben.) Und vor ein paar Tagen lag der erste Raureif auf der Wiese. Jedes Blatt hatte einen silbernen Rand, und die Spinnennetze am Zaun sahen aus, als hätte jemand mit sehr viel Geduld und einer sehr feinen Nadel daran gestickt.
Ich stand da und dachte: Wie schön. Und dann: Moment mal, schon Ende September? Das Jahr hat doch gerade erst angefangen.

Kennst du das?
Man freut sich über die bunten Blätter. Denkt voller Vorfreude an Kerzen, gemütliche Abende und vielleicht auch an Weihnachten. (Im Supermarkt sind die Lebkuchen als Wink mit dem Zaunpfahl schon eingezogen.) Und gleichzeitig ist da diese leise Wehmut. Es wird einem bewusst, dass das Jahr jetzt ziemlich flott Richtung Ziellinie läuft. Häufig mit einer To-do-Liste im Gepäck, auf der noch erstaunlich viel steht.
Ja, und dann gibt es da noch diese anderen Tage. Die Sonne scheint durchs Fenster, der Tee ist heiß, eigentlich ist alles gut. Und auf dem Tisch liegt ein Brief vom Finanzamt. Noch ungeöffnet. Aber er verbreitet ein ungutes Gefühl, trotz Sonne und heißem Tee.
Beides ist da. Das Wohlgefühl von Sonne und Tee – und das Grummeln im Bauch wegen Post vom Finanzamt. Gleichzeitig. Und genau diese Gleichzeitigkeit finde ich manchmal ganz schön anstrengend.
Schwarz oder weiß – Hauptsache eindeutig
Unser Kopf mag es ordentlich. Gut oder schlecht. Richtig oder falsch. Sommer oder Winter. Eindeutigkeit fühlt sich sicher an, man weiß, woran man ist.
Und ich verstehe meinen Kopf da ehrlich gesagt gut. Ein Leben mit klaren Schubladen wäre deutlich übersichtlicher.
Nur hält sich das Leben leider selten an Schubladen. In keinem Bereich.
Da hat jemand vielleicht endlich den Job, den sie immer wollte. Dann kommt der Alltag und plötzlich gibt es Montagmorgen, an denen sie am liebsten liegen bleiben würde.
Häufig meldet sich dann diese Stimme: „Du wolltest das doch. Dann darfst du dich jetzt nicht beschweren.“ Als würde das eine das andere ausschließen.
Im Großen ist es nicht anders. Ein Land kann Probleme haben, die einem den Schlaf rauben, und gleichzeitig vieles, was gut funktioniert. Beides stimmt.
Dass Menschen unterschiedlich gut mit Mehrdeutigkeit umgehen können, hat die Psychologin Else Frenkel-Brunswik schon 1949 beschrieben. Aus ihren Untersuchungen entwickelte sich der Begriff Ambiguitätstoleranz: die Fähigkeit, Uneindeutiges stehen zu lassen, ohne es sofort auflösen zu müssen.
Menschen, denen das schwerfällt, neigen nach ihrer Beschreibung dazu, sich vorschnell festzulegen. Sie suchen nach Gewissheit und denken dabei oft in einem starren Schwarz-Weiß-Bild. Auch tun sie sich schwer damit, dass ein und derselbe Mensch gute und schlechte Seiten haben kann. (Was wohl so ziemlich jeden Menschen betrifft, den ich kenne. Mich eingeschlossen.)
Vorschnell festlegen kann ich mich leider auch. Zum Beispiel, wenn ich den Brief vom Finanzamt schon zur Katastrophe erkläre, bevor ich ihn überhaupt geöffnet habe. Meine Ambiguitätstoleranz darf sich wohl noch entwickeln. 🙃
Die Beschäftigung mit diesem Thema finde ich trotzdem irgendwie beruhigend. Nicht, weil das Wissen darum sofort unangenehme Gefühle auflöst, sondern weil es mir zeigt: Dieses Unbehagen, das man empfindet, wenn zwei Dinge gleichzeitig wahr sind, ist menschlich. Und aus meiner Arbeit weiß ich: Man kann lernen, damit umzugehen.
Quellen: Frenkel-Brunswik, E. (1949). Intolerance of ambiguity as an emotional and perceptual personality variable. Journal of Personality, 18(1), 108–143. Zusammenfassung der Merkmale nach: Furnham, A. & Marks, J. (2013). Tolerance of Ambiguity: A Review of the Recent Literature. Psychology, 4(9), 717–728.
Bittersüß mit Ansage
Diese Gleichzeitigkeit von Gefühlen passt für mich perfekt in den Herbst. Es ist dieses Gefühl, das man wohl am ehesten „bittersüß“ nennen könnte: wenn etwas schön ist und gleichzeitig ein wenig wehtut.
Der Herbst ist eben ein Ende mit Ansage. Jedes bunte Blatt ist schön, und jedes erinnert daran, dass es bald am Boden liegt. Kein Wunder, dass sich die Freude über die Farben mit Traurigkeit mischt.
Und wo sich ein Ende ankündigt, wird häufig Bilanz gezogen. Bei mir heißt das: Die Jahres-To-do-Liste meldet sich. Auf ihr steht zum Beispiel, den Krimi fertig zu schreiben, zu überarbeiten und dann zu entscheiden, was aus ihm werden soll. Die Seminare vorzubereiten und zu halten, die noch im Kalender stehen. Und ganz unten, in eher kleiner Schrift: meine ersten YouTube-Videos hochladen. Diese Liste neigt übrigens dazu, über das Jahr immer länger zu werden.
Und je näher das Jahresende rückt, desto lauter wird die Stimme in meinem Kopf, die zählt, was noch fehlt. Und diese Stimme hat einen Lieblingssatzbau: „Es war ein gutes Jahr, aber der Krimi ist immer noch nicht fertig.“ Kaum steht dieses Aber im Raum, verliert das, was schon geklappt hat, seine Sichtbarkeit.
Und statt aber
Deswegen setze ich genau an diesem kleinen Wort gerne an, bei anderen und in meiner eigenen Kommunikation.
Das „Aber“ trennt Dinge voneinander. Und es gewichtet das, was danach kommt, höher. „Ich wollte diesen Job immer, aber …“ Zack – sofort liegt der Scheinwerfer auf dem, was jetzt kommt.
Wenn ich stattdessen sage: „Ich wollte diesen Job immer, und jetzt merke ich, dass mich der Alltag darin anstrengt“, dann darf beides stehen bleiben. Das ist eine andere Botschaft.
Nach innen, weil ich meinen Wunsch nicht nachträglich für falsch erklären muss. Und nach außen, weil mein Gegenüber nicht nur das hört, was nach dem Aber kommt.
In meiner Arbeit nenne ich Situationen, in denen wir uns mit Widersprüchlichkeiten auseinandersetzen, gerne Zwickmühlen. (Schon das Wort ist übrigens eine Gleichzeitigkeit: Beim Mühlespiel ist eine Zwickmühle ein Traum, im Alltag heißt sie, in der Klemme zu stecken.) Den Begriff habe ich mir von Gunther Schmidt ausgeliehen, dem Begründer des hypnosystemischen Ansatzes. Er soll mal gesagt haben, dass man auf der Welle der Zwickmühlen surfen sollte. Mit einem „Und“ im Satz surft es sich jedenfalls deutlich leichter als mit einem „Aber“.
Auch meine Liste klingt so gleich freundlicher: „Es war ein gutes Jahr, und der Krimi ist immer noch nicht fertig.“ Beides stimmt. Keins muss das andere kleinmachen.
Bei dem kleingeschriebenen Punkt ganz unten auf der Liste ist es auch hilfreich. Denn auch da gibt es eine Zwickmühle. In mir kämpfen zwei Gefühle miteinander: „Ich will meine ersten YouTube-Videos hochladen, und ich trau mich nicht.“ Nach Physiotherapie, Atemtherapie, Kunsttherapie, Coaching und zwanzig Jahren Pferdebetrieb sollte man meinen, Neuanfänge wären für mich Routine.
Sind sie nicht. Mit dem „Und“ muss ich die Scheu aber nicht erst loswerden, bevor ich anfangen darf. Sie darf einfach mitkommen.

Und dann fängt man sogar an, mit Stop-Motion zu experimentieren. Eventuell zeige ich das demnächst auf meinem YouTube-Kanal. Also, wenn ich mich traue. 🙈
Wenn du magst, probiere es selbst aus: Nimm einen Umstand, der dich gerade beschäftigt. Einen, der deine Gefühle springen lässt. Oder bei dem du viele Meinungen um dich hast.
Welche Sätze hast du dazu im Kopf? Wo taucht das „Aber“ auf?
Tausch das „Aber“ gegen ein „Und“ und achte darauf, was sich verändert. Nicht, um das Problem zu lösen. Nur um zu spüren, wie es klingt, wenn beides stehen bleiben darf.
Wie ist es bei dir?
Wie klingt dein Satz mit einem „und“? Verändert sich etwas?
Falls du das mit mir teilen magst, würde ich mich riesig freuen.
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Falls du bis hierhin gekommen bist, danke, dass du dir die Zeit für meine Gedanken genommen hast.
Ich gehe jetzt raus zu meinen Plüschpferden. Die haben mit der Gleichzeitigkeit übrigens kein Problem: Sie genießen das letzte Gras auf der Weide und lassen sich trotzdem schon mal das Winterfell wachsen.
Herbstliche Grüße
Michaela





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