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Kleinode vor der Haustür – oder warum man für eine Auszeit in England nicht fliegen muss

25. Okt.
6 Min. Lesezeit

Vor ein paar Wochen saß ich in England. Also, fast. Genau genommen saß ich in Pegnitz, im Ladencafé 1717, und hatte eine Tasse Tee vor mir. An den Wänden waren Regale, die einen zum Entdecken einluden. Da gab es eine Menge fantastischer Teesorten – logischerweise. Aber noch viele andere große und kleine Schätze.

Wenn man Glück hat, gibt es dort auch die Möglichkeit, einen Cream Tea zu sich zu nehmen. Für alle, die noch nicht in den Genuss gekommen sind: Das sind Scones mit Clotted Cream und Marmelade, und dazu natürlich Tee. Über die Frage, ob zuerst die Sahne oder zuerst die Marmelade auf den Scone gehört, sollen sich in England schon Familien zerstritten haben. In Pegnitz habe ich das diplomatisch gelöst und einfach beides großzügig genommen.

Das eigentlich Besondere an diesem Laden ist aber die Frau, die ihn betreibt. Tanya Herig verkauft nicht nur Tee, sie schreibt auch. Ihr erster Krimi ist bereits erschienen. Ein Teeladen und ein Krimi. Wenn das nicht nach dem Anfang eines Cosy-Crime klingt, weiß ich es auch nicht.

Ich bin an diesem Nachmittag mit einem Gefühl nach Hause gefahren, das ich sonst eher aus dem Urlaub kenne. Nur ohne Flughafen, ohne Koffer und ohne die Frage, ob die Flüssigkeiten im Handgepäck immer noch in so komische Beutel verpackt werden müssen.


Im Bild sieht man einen Teeladen von innen. Mittig ist ein Tisch. Links sieht man auf ein dekoriertes Fenster. Hinter dem Tisch sind Regale mit Tee und Dekoartikeln.

Die Welt ist einen Klick entfernt


Wir leben in einer Zeit, in der uns so viel offensteht wie nie zuvor. Wir können in ein paar Stunden fast überall auf der Welt sein. Wir können nachts um drei Uhr eine Teekanne bestellen, und am nächsten Tag liegt sie vor der Tür.

Und nein, auch ich verzichte nicht auf dieses 24/7 geöffnete Kaufhaus. Es ist bequem, es spart Zeit, und manchmal gibt es das, was ich suche, eben nur im Netz.

Aber manchmal bin ich auch einfach nur zu faul, um zu gucken. Daher bemühe ich mich, wieder mehr auf das zu achten, was mich umgibt. Die Straße, durch die ich hundertmal gefahren bin. Der Laden, an dessen Schaufenster ich seit Jahren vorbeigehe und denke: „Da sollte ich mal rein.“ Denn wie oft geht man eben doch nicht rein? Weil gerade keine Zeit ist. Weil es ja nicht wegläuft.

Manchmal läuft es aber weg. Kleine Läden schließen, und dann merken wir erst am leeren Schaufenster, was wir verpasst haben.

Also verordne ich mir in letzter Zeit immer wieder "Entdeckungszeit". Der zauberhafte Teeladen in Pegnitz war eine dieser Entdeckungen.

Viechtach: eine Buchmesse voller Herzblut


Die zweite Entdeckung dieses Herbstes war in Viechtach. Dort fand zum ersten Mal die Buchmesse Woidkreativ statt. Ich liebe Buchmessen, egal ob groß oder klein. Daher bin ich mit einer ordentlichen Portion Neugier und Vorfreude hingefahren. Und ich wurde nicht enttäuscht.

Sie war nicht nur richtig gut organisiert, sondern es waren viele Schreibende und Künstler*innen da, denen man die Freude an ihrem Tun einfach angesehen hat. Da standen Menschen, die etwas lieben und es zeigen wollten. Diese Stimmung war ansteckend. Als jemand, die selbst gerade an einem Krimi feilt, bin ich mit mehr Schreiblust nach Hause gefahren, als ich hingefahren bin.

Viechtach selbst ist übrigens hübsch anzuschauen. Und weil ich schon mal da war, habe ich gleich noch das Kristallmuseum besucht. Von außen konnte ich gar nicht abschätzen, welche Vielfalt einen dort erwartet. An die Kreativität unseres Heimatplaneten kommt so schnell wirklich niemand ran. Und für den extra Wow-Effekt, durfte ich auch noch einen der ausgestellten Meteoriten in die Hand nehmen.


In dem Bild ist im Vordergrund ein großer Bergkristall zu sehen. Im Hintergrund sieht man verschwommen eine Frau vor einem Gemälde. Die Frau hält einen Meteoriten in der Hand und blickt auf den Stein.
Vorn im Bild – irdischer Kristall, in der Hand – außerirdisches Gestein.

Regen, Bodenmais und Regensburg


Da Viechtach schon so spannend war, dachte ich mir: Lass doch noch ein wenig mehr erkunden. Und da ich nicht nur Bücher, sondern auch schöne Kleidung liebe, lag der Fokus bei der nächsten Tour darauf. Dabei bin ich auf zwei wundervolle Läden gestoßen.

In Regen bin ich in das Viva la Vintage hineingestolpert. Einen Vintage-Laden, in dem Alt auf Neu trifft und der beweist, Second Hand hat nichts mit Mottenkugeln zu tun.

Ein paar Kilometer weiter, in Bodenmais, habe ich das Woidladl gefunden. Ein Concept Store, den eine Frau während ihrer Elternzeit gegründet hat und der seitdem stetig wächst. Die Liebe zum Bayerischen Wald spürt man hier in jedem Regal. Vor allem bei den selbst entworfenen Stücken.

Und in Regensburg werde ich demnächst auf Entdeckungstour gehen. Da hat nämlich ein spannender neuer Buchladen eröffnet, zu dem ich es bisher noch nicht geschafft habe. Im Bücherdrachen dreht sich alles um fantastische Welten. Ich freue mich schon jetzt auf das Stöbern.

Was ein Plausch an der Theke bewirkt


Dass sich solche Nachmittage anders anfühlen als ein Klick auf „Jetzt kaufen“, ist übrigens keine Einbildung. Die Psychologinnen Gillian Sandstrom und Elizabeth Dunn haben untersucht, was ein ganz alltäglicher Kaffeekauf mit unserer Stimmung macht. Ein Teil der Teilnehmenden ihrer Studie sollte dabei so effizient wie möglich sein: bestellen, zahlen, fertig. Die anderen sollten die Person hinter der Theke anlächeln, Blickkontakt aufnehmen und ein paar Worte mit ihr wechseln.

Das Ergebnis: Wer kurz geplaudert hatte, berichtete danach von besserer Stimmung. Und die Forscherinnen fanden erste Hinweise darauf, dass das mit einem Gefühl von Zugehörigkeit zusammenhängt. Ein paar Sätze mit einem fremden Menschen können also schon reichen, um sich ein Stück verbundener zu fühlen.

Was ich daran besonders mag: Die beiden halten auch fest, dass wir solche Gespräche mit Fremden oft eher meiden. Und dass wir trotzdem glücklicher sind, wenn wir uns darauf einlassen.

Kennst du das? Man will eigentlich nur schnell etwas besorgen, und dann kommt man ins Gespräch. Eine halbe Stunde später steht man mit einer Empfehlung, einer kleinen Geschichte und deutlich besserer Laune wieder auf der Straße.

Im Onlineshop passiert das eher selten. Der Warenkorb fragt nicht, wie es einem geht. Kleine Läden dagegen sind voll von solchen Gelegenheiten. Vielleicht kommt man deshalb so oft mit mehr heraus, als in der Tüte steckt.


Quelle: Sandstrom, G. M. & Dunn, E. W. (2014). Is efficiency overrated? Minimal social interactions lead to belonging and positive affect. Social Psychological and Personality Science, 5(4), 437–442. https://doi.org/10.1177/1948550613502990

Warum mich das Kleine so berührt


Wenn ich darüber nachdenke, was diese Orte gemeinsam haben, dann ist es nicht nur das hübsche Sortiment. Hinter fast jedem dieser Läden steht eine Geschichte von jemandem, der sich irgendwann etwas getraut hat. Die Frau mit dem Teeladen, die nebenbei einen Krimi veröffentlicht. Die Frauen, die aus ihren Ideen zwei Läden mitten im Wald gemacht haben. Die Menschen in Viechtach, die einfach mal eine Buchmesse auf die Beine stellen, obwohl es vorher keine gab.

Das sind alles kleine und große nächste Kapitel. Und vielleicht spricht mich das deshalb so an.

Wir denken bei Veränderung oft an das ganz Große. Auswandern, alles hinschmeißen, das Sabbatical in Neuseeland. Dabei kann Neues überall entstehen. Auch vor der eigenen Haustür. Und entdecken kann man es an einem Nachmittag, an dem man nicht durchs Handy scrollt, sondern durch eine Ladentür geht. Mit einem Gespräch an einer Kasse. Mit dem Staunen darüber, dass es so etwas „hier bei uns“ gibt.

Neugier ist dabei ein guter Muskel. Und wie jeder Muskel wird er stärker, wenn man ihn benutzt. Am besten nicht nur im Urlaub.

Geh auf Kleinod-Suche


Deshalb habe ich eine kleine Einladung an dich. Nimm dir in den nächsten Wochen einen Nachmittag und geh auf Entdeckungstour in deiner Umgebung. Nicht weit weg. Vielleicht 20, 30 Kilometer, vielleicht nur bis ans andere Ende deines Wohnortes.

Ein paar Fragen, die dabei helfen können:

An welchem Laden fährst du schon ewig vorbei und denkst: „Da müsste ich mal rein“?

Welcher Ort in deiner Nähe würde dich überraschen, wenn du ihn zum ersten Mal sähest, als Tourist*in?

Wen kennst du, der oder die etwas Eigenes aufgebaut hat, und wo du noch nie vorbeigeschaut hast?

Und dann geh einfach hin. Ohne Plan, ohne Einkaufsliste. Nur mit offenen Augen.


Wo sind deine Kleinode?


Ich würde mich riesig freuen, wenn du mir von deinen Entdeckungen erzählst. Schreib mir gerne in die Kommentare, welchen Laden, welches Café oder welchen Ort du empfehlen kannst. Oder mach ein Foto davon, poste es auf Instagram und markiere mich mit @michaeladiesch_. Dann bekomme ich es mit und teile die schönsten Kleinode gerne in meiner Story. Es wäre doch schön, wenn wir die Menschen unterstützen, die mutig ihr nächstes Kapitel aufgeschlagen haben.

Wenn du solche Gedanken gerne regelmäßig lesen möchtest: Einmal im Monat schreibe ich meinen Newsletter „Die guten Seiten“. Zur Anmeldung bekommst du meinen Mentalen 1. Hilfe-Koffer geschenkt, mit kleinen Übungen für die Momente, in denen der Kopf zu voll ist.



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Und jetzt möchte ich wieder Danke sagen. Danke, dass du dir die Zeit für meine Gedanken genommen hast.

Ich mache mir jetzt einen Tee. Er ist leider nicht aus Pegnitz, dafür aber von einem anderen zauberhaften Ort – Borkum. Da kann man auch immer viele Kleinode entdecken.


Sonnige Grüße


Michaela

 
 
 

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Ich begleite Menschen als Coach, Kunsttherapeutin und Lektorin – mit Feingefühl, Struktur und einem offenen Herzen.

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