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Kleine Inseln im großen Sturm – oder warum Kunsttherapie für mich viele mentale Schwimmflügel enthält

26. Juli
4 Min. Lesezeit

Es ist einer dieser Samstagmorgen, die wir zurzeit viel zu häufig erleben. Die Zeitung liegt aufgeschlagen auf dem Küchentisch, der Tee wird kalt, während ich lese. Noch ein Waldbrand in Frankreich. Die nächste Hitzewelle rollt auf Deutschland zu. Ein oranger Mann lässt wieder Waffen sprechen. Von der politischen Lage in Deutschland möchte ich an diesem Morgen lieber gar nicht erst anfangen. Ich blicke auf und denke an meine/unsere eigene kleine Realität. An die Heuernte, die in diesem Jahr eher homöopathisch ausgefallen ist. Und an meinen Mann, der gerade an neuen Weidekonzepten tüftelt, damit sowohl die Bedürfnisse der Ponys als auch der dürregeplagten Wiesen beachtet werden.


Ich klappe die Zeitung zu und merke: Mir wird etwas eng im Hals. Nicht dramatisch, aber da ist dieses leise, zähe Engegefühl, das sich einschleicht, wenn die schlechten Nachrichten eindeutig überwiegen. Kennst du das?


Eine Figur sitzt auf einem Stuhl. Schwarzer Hintergrund. Der Kopf ist ein Halloweenkürbis, der von innen beleuchtet ist. Die Figur ist von unten beleuchtet.

Wenn leise oder laute Ängste ihre Fratzengesichter zeigen.

Momentan geht es sicher sehr vielen Menschen so. Die Welt wird immer herausfordernder. Und scheinbar liegen vielen von uns dann zwei Reaktionen besonders gut. Entweder wir kapseln uns komplett ab: Zeitung weg, Nachrichten aus, gar nichts mehr wissen wollen. Oder wir nehmen uns jede einzelne schlechte Nachricht so zu Herzen, dass wir irgendwann vor lauter Ohnmacht nichts mehr tun.


Beides bringt uns leider nicht weiter. Für mich hat sich ein dritter Weg bewährt. Ich versuche, mir kleine Inseln zu bauen. Oder nennen wir es Schwimmen mit „mentalen Schwimmflügeln“. Es sind kleine Aktionen/Tätigkeiten, die zwar nicht die Welt retten können, mich aber über Wasser halten, wenn die Wellen mal wieder hochschlagen. So kann ich für mich Momente gestalten, in denen ich für eine Weile ganz im Hier und Jetzt bin. Wo ich Einfluss habe – und sei es nur auf das Blatt Papier vor mir. Wo etwas entstehen darf und meine Gefühle Raum bekommen, ohne dass ich sie erklären muss.


Genau das ist für mich einer der Wesenskerne von Kunsttherapie – und einer der vielen Gründe, warum sie mich seit Jahren so fasziniert, beruflich, wie privat. Denn mir hilft sie genau in solchen Momenten: Wenn die Gedanken in der Vergangenheit hängen bleiben – früher hatten wir hier noch richtig Schnee, früher hat unsere Quelle den ganzen Sommer über geplätschert. Oder wenn sie in die Zukunft rasen: Wird es genug Niederschlag geben? Wie verändert sich das hier noch?

Genau dann greife ich zu Papier und Stift, oder was sonst gerade griffbereit ist. Schreiben, kritzeln, malen, mit den Händen etwas gestalten. Es geht nicht darum, gut darin zu sein. Es geht darum, dass die Hände etwas tun dürfen, während der Kopf für einen Moment die Klappe hält. Hier geht es um kein Ziel, keinen Anspruch und kein Publikum. Nur um den Moment.


Eine kleine Übung aus der Kunsttherapie zum Ausprobieren: die Kritzel-Technik


Diese Technik wird der Kunsttherapeutin Florence Cane zugeschrieben und ist so einfach, dass du sie heute noch ausprobieren kannst.


  • Nimm einen Stift und ein Blatt Papier.

  • Schließ kurz die Augen oder lass deinen Blick eine Weile in die Ferne schweifen.

  • Versuche, deinen Atem ruhig werden zu lassen.

  • Kritzel einfach los. Ohne nachzudenken, ohne Ziel, ohne Bewertung. Vielleicht ein paar Sekunden, vielleicht ein paar Minuten. Wie es passend für dich ist.

  • Wenn du fertig gekritzelt hast, schau dir das Gewirr an. Entdeckst du eine Form, ein Gesicht oder ein Tier?

  • Mal diese Form ruhig farbig aus oder gestalte sie weiter.


Es gibt hier kein Richtig und kein Falsch. Und auch keine Botschaft, die verstanden werden muss. Die Hand bewegt sich, das Gedankenkarussell darf kurz stehen bleiben. Genau die Gegenbewegung zum Nachrichten-Grübeln vom Samstagmorgen.

Und das Schöne daran ist: Das ist kein Wohlfühl-Versprechen, sondern inzwischen gut untersucht.

2016 haben Girija Kaimal und ihr Team von der Drexel University 39 Erwachsenen 45 Minuten Zeit gegeben, frei künstlerisch zu gestalten – mit Stiften, Papier, Modelliermasse und Collage-Material, ganz ohne Vorgaben.


Vor und nach dem Gestalten wurde per Speicheltest der Cortisolspiegel gemessen, eines unserer wichtigsten Stresshormone. Bei rund 75 Prozent der Teilnehmenden sank der Wert – unabhängig davon, ob jemand vorher schon künstlerisch aktiv gewesen war oder zum allerersten Mal einen Stift in die Hand nahm.

Man muss also nicht gut sein, um wirksam zu sein.

Das allein finde ich schon einen schönen Gegenpol zur Ohnmacht.


Quelle: Kaimal, G., Ray, K. & Muniz, J. (2016). Reduction of Cortisol Levels and Participants' Responses Following Art Making. Art Therapy, 33(2), 74–80. DOI: 10.1080/07421656.2016.1166832


Eine weiße Katze sitzt auf einer Fensterbank und blickt von oben auf den Fotografen. Die Ohren und die Stirn ist gräulich.

Unsere kleine Katze Crash würde sagen:

"Worauf wartest du? Schnapp dir einen Stift und versuch es einfach mal." 😻













Zum Schluss noch ein Fakt, der zeigt, dass dieses Prinzip nicht nur für ein Blatt Papier gilt. Dass sich oft im Hintergrund etwas bewegt, das in den großen Schlagzeilen kaum auftaucht. Laut dem „European Electricity Review“ des Thinktanks Ember haben Wind- und Solaranlagen 2025 erstmals in der Geschichte mehr Strom erzeugt als fossile Kraftwerke in der gesamten EU – rund 30 Prozent Anteil gegenüber 29 Prozent fossil. Die Kohleverstromung erreichte gleichzeitig mit 9,2 Prozent einen historischen Tiefstand. Während bei uns die Heuernte unter der Hitze leidet, verschiebt sich also gleichzeitig, still und ohne große Schlagzeilen, etwas in die, aus meiner Sicht, richtige Richtung.

Quelle: Ember, European Electricity Review 2026 (veröffentlicht Januar 2026)

Man sieht die lila Blüte einer Distel. Auf dieser Blüte sitzt eine Hummel und zwei Bienen.

Beides ist wahr und beides kann gleichzeitig existieren – die Enge vom Samstagmorgen und die leise Bewegung im Hintergrund. Ich glaube, genau dazwischen liegt der Ort, an dem wir handlungsfähig bleiben können – ohne uns wegzuducken und ohne unterzugehen.

Wenn man dann noch gelegentlich Augen für die kleinen Wunder in dieser Welt hat, lässt Hoffnung das Herz leichter schlagen.

Und du?

Hast du auch eine kleine Insel, auf die du dich zurückziehst, wenn die Nachrichtenlage zu viel wird? Welche mentalen Schwimmflügel helfen dir, den Kopf über Wasser zu halten?


Schreib mir gern. Ich freue mich über den Austausch.


Danke, dass du dir die Zeit für meine Gedanken genommen hast. Jetzt wünsche ich uns allen erst einmal ein paar positive Nachrichten für die nächste Zeit. Und sollte das zu optimistisch sein, Stift und Papier liegen schon bereit.

Bei dir auch?


Sonnige Grüße


Michaela



 
 
 

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Ich begleite Menschen als Coach, Kunsttherapeutin und Lektorin – mit Feingefühl, Struktur und einem offenen Herzen.

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